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Kritische Philosophie
Leonard
Nelson
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Kritische
Philosophie steht in der Tradition Immanuel Kants, der durch eine
Rückbesinnung auf das Erkenntnisvermögen des Subjekts Philosophie
auf eine vernunftgemäße Grundlage zu stellen suchte, orientiert
am Vorbild der exakten Wissenschaften. Philosophie beginnt mit Vernunftkritik
im Doppelsinn des Wortes, einer Kritik mittels der Vernunft, aber auch einer
kritischen Untersuchung der Vernunft, des Erkenntnisvermögens selbst.
Sie steht im Gegensatz zu der Position, daß Erkenntnis unmöglich
oder doch immer unverbindlich bleibe, vermeidet aber auch allzu oft unbefragt
gebliebene vermeintliche "Erkenntnisse" durch ihr methodenkritisches Vorgehen.
Jedoch nicht Erkenntnisverzicht, vielmehr die Idee einer begründeten
Wahrheit ist leitend für moralisch-praktische wie theoretische Diskurse.
Auf diese Weise vermeidet Kritische Philosophie sowohl Dogmatismus wie
Skeptizismus, und sie ermöglicht ebenso, gegen verschiedenste historische
Formen von Irrationalität und Ideologie Position zu
beziehen.
Leonard
Nelson führt bei der Erarbeitung seines
Systems die von J. F. Fries begründete Richtung der kritischen Philosophie
weiter. Er geht von unmittelbaren Erkenntnissen der Vernunft aus, die in
kritischer Reflexion freizulegen und zu begründen sind. Der Grundsatz
vom Selbstvertrauen der Vernunft ist Grundlage dieses
Verfahrens.
Im Mittelpunkt
der Nelsonschen Philosophie steht die vernunftkritische Grundlegung der Ethik.
Er entwickelt den kategorischen Imperativ Kants zu einem Abwägungsgesetz
weiter, mit dessen Hilfe im Falle des Konflikts von Interessen entschieden
werden kann, ob eine Handlung moralisch erlaubt ist. Die Gleichheit der
Würde jeder Person ist das Prinzip der Ethik. Dieses "Sittengesetz"
ist die Grundlage der rechtlichen und politischen Organisation eines
menschenwürdigen Zusammenlebens. Im Gegensatz zu Kant bringt L. Nelson
die Interessen der Betroffenen ein, behält aber eine monologische Form
der Abwägung bei. Seine Sokratische Methode
verweist überdies auf die dialogische Dimension zu erarbeitender
Konsense.
In seiner Pädagogik mit ihrem
Ideal der vernünftigen Selbstbestimmung zeigt Nelson, wie das Sittengesetz
im Leben des einzelnen verankert werden kann. Wie das Sittengesetz in den
äußeren Verhältnissen des gesellschaftlichen Zusammenlebens
realisiert werden kann, zeigen die Rechtslehre und die Politik mit ihrem
Ideal einer gerechten Gesellschaft. Dies führte zu einer ethischen
Begründung des Sozialismus und der Idee einer internationalen
Friedensordnung.
Es kennzeichnet Nelsons
Persönlichkeit und sein Lebenswerk, daß er die methodisch gewonnenen
Erkenntnisse auch in die Praxis umzusetzen versucht hat. Zur Kritischen
Philosophie gehört, daß ihre Erkenntnisse und Methoden nie als
endgültig angesehen werden können. Ihre Weiterentwicklung zu
fördern, ist eine der Aufgaben, die sich die Philosophisch-Politische
Akademie gestellt hat. Heute bietet sie Raum für die diskursive
Verständigung unterschiedlicher Ansätze, die sich den wesentlichen
Zielen der Nelsonschen Philosophie widmen. |