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Das
Sokratische
Sokratische |
Leonard Nelson hat nicht nur die sokratische
Methode entwickelt, sondern diese auch praktiziert und in seinem politischen
Freundeskreis Sokratische Gespräche geführt. Ziel dieser
Gespräche war, in der Vergewisserung über unabdingbare Werte gemeinsam
angemessene Handlungsentscheidungen zu finden. Die sich aus den Gesprächen
ergebenen Überzeugungen haben bei seinen Freunden in den späteren
Jahren rückblickend betrachtet erstaunliche Kräfte
im Widerstand und Exil und beim Aufbau der demokratischen Ordnung
Westdeutschlands freigesetzt. Das Anliegen der unmittelbaren Auseinandersetzung
mit den politischen und gesellschaftlichen Gegenwartsfragen und ihrer Beurteilung
vor dem Hintergrund der demokratischen Grundwerte wurde und wird nach 1945
in der wiedergegründeten Philosophisch-Politischen Akademie, insbesondere
auf ihren öffentlichen Tagungen, weitergeführt. Grundlegende Fragen
des politischen Lebens, wie die nach der Reichweite von Verantwortung, nach
dem Verhältnis von Freiheit und Gerechtigkeit oder die nach einer
Widerstandspflicht u.v.a. können Inhalt und Thema Sokratischer
Gespräche sein. Politik wird dabei an moralischen Maßstäben
gemessen. Solche moralischen Maßstäbe sind etwa vernünftiger
Interessenausgleich oder Beachtung von Humanitätsprinzipien. Auf Vernunft
gegründete Mit-Verantwortung für das öffentliche Wohl gehört
zu den Grundüberzeugungen der Sokratiker.
Noch weiterreichend als der direkte inhaltliche ist vermutlich der indirekte Beitrag der Sokratischen Gespräche zur politischen Bildung auch wenn sie andere, beispielsweise erkenntnistheoretische oder mathematische Themen untersuchen. Die Suche nach Gründen und Argumenten und ihre rationale Überprüfung ebenso wie das redliche Einbeziehen von alternativen Thesen oder Positionen und deren Überprüfung tragen zur Versachlichung bei, stärken das Urteilsvermögen und üben die Teilnehmern in eine geduldige Konsenssuche ein, die auch "Minderheiten" nicht vergewaltigt: Nicht die Quantität oder äußeres Gehabe, vielmehr allein die Kraft des Arguments "zählt" für ein begründetes Ergebnis. Da das Nachdenken in der Regel von Erfahrungsbeispielen ausgeht und der sorgfältigen Analyse ebenso wie dem Eingehen auf jeden Teilnehmer viel Zeit gewidmet wird, fördern Sokratische Gespräche Problembewußtsein, Fähigkeit der Artikulierung und den Sinn für gemeinsame geistige Arbeit, gemäß der Grundidee der "Hebammenkunst" (Maieutik), sich gegenseitig Denkhilfe zu leisten. Da dabei immer auch Irrtümer und Irrwege in Kauf genommen werden müssen, stellen Sokratische Gespräche zuweilen erhebliche Anforderungen an Geduld und Toleranz. Gerade damit dienen sie sowohl einem differenzierten Problembewußtsein als auch dem Selbstvertrauen der Teilnehmer und dem Vertrauen in die Möglichkeit vernünftiger Lösungen. Insgesamt sind also die "Gesprächstugenden" genau die, deren ein mündiger Bürger bedarf. Noch auf einer dritten Ebene sind Sokratische Gespräche bedeutsam für die politische Bildung: Die in den Regeln näherungsweise erfaßten Kommunikationsstrukturen spiegeln die Grundidee des herrschaftsfreien Diskurses (auch wenn faktische Gespräche selbstverständlich immer dahinter zurückbleiben), in dem unter größtmöglicher Ausschaltung von Verzerrungen alle Teilnehmer gleichberechtigt und auf der Basis von Vernunft nach der besten Antwort suchen. Sokratische Gespräche verwirklichen im Vollzug die Prinzipien der Gleichheit, der Solidarität, der Partizipation, der gewaltfreien Konfliktaustragung und des Konsenses. Die Grundidee allgemeiner Werte gehört ebenso dazu wie die der kritischen Prüfung und der Offenheit gegenüber Neuem oder Fremdem. Nicht nur in den Überzeugungen und Verhaltensweisen, sondern auch in den strukturellen Rahmenbedingungen zeigt sich daher: das normative Fundament Sokratischer Gespräche sind diese demokratischen Prinzipien. Sokratische Gespräche tragen also in vielfältiger Weise dazu bei, daß Vernunft praktisch werden kann. |
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