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Exil und Neuanfang


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Exil und Neuanfang
Minna Specht im Exil 1933-1946 | Die Odenwaldschule 1946-1951 | Unesco-Mitarbeiterin und Inspektorin der Landerziehungsheime 


Minna Specht im Exil 1933-1946

Im Jahr 1933, nachdem die Walkemühle von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, ging Mina Specht mit den verbliebenen Kindern und Jugendlichen ins Exil, zuerst nach Dänemark, später nach England.

Die Schule im Exil stützte sich auf vier Grundsätze, die schon der Walkemühle galten:

  • Einfachheit des Lebens
  • Unabhängigkeit von Tradition
  • Gemeinschaftsleben
  • Stärkung des Selbstvertrauens

Dies und die Persönlichkeit der Lehrerinnen und Lehrer sollten den entfremdeten und erschreckenden Einflüssen entgegenwirken, denen die Kinder ausgesetzt waren. Minna Specht befasste sich ausführlich mit dem seelischen Schock, den viele der Kinder erlitten hatten. Es galt, ihnen langsam das Gefühl von Geborgenheit und neuen Lebensmut wiederzugeben.

Angesichts der immer drohender werdenden Kriegsgefahr und um der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen zuvor zu kommen, siedelte Minna Specht mit den Kindern und den Pädagoginnen und Pädagogen der dänischen Exilschule nach England um.

Nach 1 ½ Jahren war der Neuanfang in England zu Ende. Nach dem Überfall Hitlers auf Polen waren Deutschland und Großbritannien Kriegsgegner. Minna Specht und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden verhört und nach wochenlanger Inhaftierung im Londoner Frauengefängnis wurde Minna Specht auf der Isle of Man interniert. Die Schule wurde 1940 geschlossen, die Kinder wurden von Quäkerfamilien, befreundeten Sozialisten oder Kinderheimen aufgenommen.

Minna Specht blieb ein Jahr auf der Isle of Man interniert. Hier engagierte sie sich weiter und kämpfte für die Verbesserung der Haftbedingungen und um Unterricht für die mit ihren Müttern internierten Kinder. Sie erreichte ihr Ziel und wurde Leiterin der am 1. Oktober 1940 eröffneten Schule mit 60 Kindern und des Kindergartens mit 50 Kindern.

Über ihren Ruf bei den Engländern wird folgende Anekdote erzählt: "Bei einem Kommandantenwechsel wird sie von dem neuen Kommandanten begrüßt: 'Hello Minna!'

Sie antwortet: ‚Hello Tom-or what's wour name? Perhaps you think ‚Minna' is a title? Er: ‚In this camp I think it is.'"

Nach der Entlassung aus der Internierung befasst sich Minna Specht vorwiegend mit der Konzipierung von Plänen für die Erziehung im Nachkriegsdeutschland. Ihre Interessen richten sich hierbei zum einen auf die Umerziehung der Nazi-Jugend, zum anderen auf den Aufbau der zukünftigen Schule und die Lehrerausbildung. Durch die in diesem Zusammenhang entstandene Publikation "Gesinnungswandel" wird Paul Geheeb, Gründer der Odenwaldschule, auf Minna Specht aufmerksam.

Die Odenwaldschule 1946-1951

Minna Specht kehrt 1946 nach Deutschland zurück und übernimmt bis 1951 die Leitung der Odenwaldschule in Oberhambach bei Heppenheim an der Bergstraße. D.h., sie nimmt es im Alter von nunmehr 65 Jahren auf sich, noch ein Mal eine ganz neue Schule in dem vom Krieg zerstörten und von nationalsozialistischer Ideologie durchsetzten Deutschland aufzubauen.

Auch diese Schule baut sie nach den Grundsätzen der Reformpädagogik als Internatsschule auf, doch setzt sie jetzt andere Prioritäten als seinerseits in der Walkemühle. Sie befreit die Konzeption von den autoritären und elitären Zügen, die dort noch anzutreffen waren, und stellt sie nun ganz in den Dienst der Erziehung zu sozialer Verantwortung, zu Friedensbereitschaft und zu Demokratiefähigkeit.

Es ist ihr Anliegen, dass Kinder aus Arbeiterfamilien ebenso Zugang zu ihrer Schule haben sollen wie Kinder aus betuchterem Hause. Sie führt eine sechsjährige Grundschulzeit ein, der eine vierjährige Oberstufe folgt, die die wissenschaftliche Schulung genauso zur Aufgabe hatte wie die künstlerische und sportliche Betätigung und vor allem die Berufsausbildung. Nur ein sehr geringer Anteil der Schüler und Schülerinnen wird bis zur Hochschulreife geführt, weil Minna Specht der Ansicht ist, die Zukunft gehöre den Arbeitnehmern und dem Mittelstand. Ein Kernpunkt ihrer Schulpädagogik bestand darin, im Oberstufenunterricht keine breit gefächerte, aber inhaltlich flache Allgemeinbildung zu vermitteln, sondern mit dem "Mut zur Lücke" inhaltlich relevante Themen auszuwählen und diese vertiefend mit den Schülern zu behandeln, so dass sie angeregt würden, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Unesco-Mitarbeiterin und Inspektorin der Landerziehungsheime

Minna Specht nimmt an der vorbereitenden Sitzung der Unesco für Deutschland teil und wird in den Ausschuss der deutschen Unesco-Kommission als Vertreterin für Erziehung und Unterricht gewählt. Im Juli 1952 beginnt Minna Specht ihre Zusammenarbeit mit Professor Dr. Walther Merck, dem Leiter des Unesco-Instituts für Pädagogik in Hamburg. Sie wohnt im Institut, wird aber nicht heimisch am Unesco-Institut und zieht zu ihrer langjährigen Freundin Grete Henry-Hermann nach Bremen. Minna Specht bleibt bis 1959 Mitglied der deutschen Unesco-Kommission.

Ab 1952 ist sie vorsitzende der "Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime" und besucht regelmäßig die einzelnen Landerziehungsheime. Sie setzt sich dafür ein, mittellosen, begabten Schülern Freiplätze in den Heimen Vorzuhalten.

1955 wird ihr die Goethe-Plakette des hessischen Ministers für Erziehung und Volksbildung für ihre Verdienste in Theorie und Praxis der Erziehungswissenschaften verliehen.

Minna Specht bleibt bildungspolitisch engagiert und fordert z.B., die SPD solle für eine intensivere Erziehungsarbeit eintreten. Sie befürwortet Ganztagsschulen mit Werkstätten, Schulgelände und gemeinsamem Mittagessen, um Lehrern Eltern und Kindern in dieser modernen Welt eine Stätte der freien, breiten Entwicklung zu geben. Denn Frauen seien aus der Emanzipation nicht zurückzuholen, nur wenn man ihre Unabhängigkeit achte, nicht wenn man sie einsperre, seien sie nette Mütter.

 

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