Kritische Philosophie

Philosophisch-Politische Akademie

Die Kritische Philosophie geht zurück auf die Aufklärungszeit. Indem sie die Tendenzen und Ideen dieser Epoche auf klare und bestimmte Begriffe brachte, wurde sie selbst zu einer geistigen Macht dieser Zeit. Das "Zeitalter der Vernunft, das philosophische Zeitalter" (Voltaire), ist die Zeit "des Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant), die Zeit der Befreiung des Denkens von Bevormundung, Traditionen und Gewohnheiten. Das "sapere aude!" - "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" - "das Wagnis des Selber-Denkens" ist ihre Maxime geworden.

Die Kritische Philosophie macht keine Sinnangebote, sie erweitert nicht glanzvoll die Erkenntnisse von der Welt – wie es die Wissenschaften beanspruchen –, sondern sie konzentriert sich in der Tradition Immanuel Kants auf das erkennende Subjekt und sein Erkenntnisvermögen. Sie beginnt mit der Vernunftkritik im doppelten Sinne, mit der Kritik vermittels der Vernunft, aber auch mit der kritischen Untersuchung der Vernunft selbst. Dabei befasst sie sich nicht mit den Inhalten der Erkenntnis, sondern nur mit der Form und Struktur der Erkenntnis und stellt somit den entscheidenden ersten Schritt zur Selbsterkenntnis der Vernunft dar. Ihre Analysen werden geleitet von der regulativen Idee einer Wahrheit, an der sich sowohl die theoretischen wie auch die moralisch-praktischen Diskurse und begründeten Einsichten orientieren. Auf diese Weise vermeidet die Kritische Philosophie sowohl Dogmatismus wie Skeptizismus, und sie ermöglicht ebenso, gegen verschiedenste historische und aktuelle Formen von Irrationalität und Ideologie Position zu beziehen.

Leonard Nelson führt bei der Erarbeitung seines Systems der Vernunft die von J. F. Fries begründete Richtung der Kritischen Philosophie weiter. Ein Kennzeichen dieser Richtung ist die Aufmerksamkeit auf innere Vorgänge; sie wird daher gelegentlich als „psychologische Richtung des Kantianismus“ bezeichnet, was aber in heutigem Sprachgebrauch eher irreführend ist. Fries und Nelson setzen die Möglichkeit unmittelbarer Erkenntnisse der Vernunft voraus, die die wiederholte Rückfrage nach Urteilsbegründungen beendet und mit Hilfe der „regressiven Methode der Abstraktion“ freizulegen sind. Die so aufgedeckten Prinzipien bilden die Basis aller weiteren Erkenntnisse. Der Grundsatz vom Selbstvertrauen der Vernunft ist Grundlage dieses Verfahrens.

Im Mittelpunkt der Nelson´schen Philosophie steht die vernunftkritische Grundlegung der Ethik. Er entwickelt den kategorischen Imperativ Kants zu einem Abwägungsgesetz weiter, mit dessen Hilfe im Falle des Konflikts von Interessen rational entschieden werden kann, ob eine Handlung moralisch erlaubt ist. Die Gleichheit der Würde jeder Person ist das Prinzip dieser Ethik. Dieses "Sittengesetz" ist die Grundlage der rechtlichen und politischen Organisation eines menschenwürdigen Zusammenlebens. Im Gegensatz zu Kant bringt L. Nelson die Interessen der Betroffenen ein, behält aber eine monologische Form der Abwägung bei. Seine Sokratische Methode verweist demgegenüber auf die dialogische Dimension der zu erarbeitenden Konsense.

Es kennzeichnet Nelsons Persönlichkeit und sein Lebenswerk, dass er die methodisch gewonnenen Erkenntnisse auch in die Praxis umzusetzen versucht hat. Auch hier orientiert er sich an der in der kantischen Philosophie geforderten Einheit von Theorie und Praxis. Seine ethischen und pädagogischen Ideen konnten in der Reformschule Walkemühle und in der Philosophisch-Politischen Akademie erprobt werden, wobei die Erwachsenenbildungskurse auf eine politische Tätigkeit für die Gesellschaft vorbereiten sollten. Um eine am Sittengesetz orientierte politische Gemeinschaft zu realisieren, gründete Nelson in der Weimarer Republik die politischen Vereinigungen Internationaler Jugendbund (IJB) (Gründung 1918) und Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK).

In seiner Pädagogik (GS Bd. V) mit dem Ideal der vernünftigen Selbstbestimmung zeigt Nelson, wie das Sittengesetz durch Bildung im Leben des einzelnen verankert werden kann. Wie das Sittengesetz in den äußeren Verhältnissen des gesellschaftlichen Zusammenlebens realisiert werden kann, zeigen die Rechtslehre und die Politik (GS Bd.VI) mit ihrem Ideal einer gerechten Gesellschaft. Dies führte zu einem ethisch begründeten Sozialismus und der Idee einer internationalen Friedensordnung.

Zur Kritischen Philosophie gehört, dass die Anwendung ihrer Erkenntnisse und Methoden nie als endgültig angesehen werden kann. Erkenntnistheoretisch wird daher spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs (Gustav Heckmann, Minna Specht und Grete Henry-Hermann) der Fallibilismus zugestanden. Die Weiterentwicklung der Kritischen Philosophie zu fördern, ist eine der Aufgaben der Philosophisch-Politischen Akademie. Sie bietet heute Raum für die diskursive Verständigung über unterschiedliche Ansätze ethischen, politischen und pädagogischen Handelns, die mit den wesentlichen Zielen der Nelsonschen Philosophie im Zusammenhang stehen. Ihr Anliegen ist wegen ihrer praktischen Impulse für sozial gerechtes und vernunftorientiertes politisches und pädagogisches Handeln immer noch aktuell.

In Anknüpfung an den antiken Sokrates begründete Nelson die Sokratische Methode neu und zeigte damit eine dialogische Form des kritischen Philosophierens auf, die besonders von seinen Schülern Gustav Heckmann, Minna Specht und Grete Henry-Hermann weiter entwickelt wurde. Das kritische sokratische Philosophieren zeigt im Hinblick auf Rationalität und Begründbarkeit der Erkenntnisse, die im Prozess einer Gesprächsgemeinschaft miteinander erarbeitet werden, verwandte und vergleichbare Elemente mit der Diskurstheorie, legt aber Wert auf eine konkrete Verankerung in der Lebenswelt. In pädagogischen und sozialen Kontexten werden auch Verwandtschaften zur Themenzentrierten Interaktion (begründet von Ruth Cohn) und zur Logotherapie von Viktor Frankl gesehen, wobei jedoch jede dieser Methoden eine unterschiedliche Zielsetzung verfolgt.

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