Leonard Nelson (1882 - 1927)

Philosophisch-Politische Akademie

Leonard Nelson wurde am 11. Juli 1882 in Berlin geboren, stammte aus einem großbürgerlichen Elternhaus und wuchs dort in einer geistig und künstlerisch anregenden Atmosphäre auf. Er promovierte 1904 mit einer Dissertation über Jakob Friedrich Fries und habilitierte sich fünf Jahre später an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. 1904 veröffentlichte er erstmals, gemeinsam mit Gerhard Hessenberg und Karl Kaiser, die "Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge", eine wissenschaftliche Publikationsreihe, an der u.a. Franz Oppenheimer, Otto Meyerhof, Arthur Kronfeld, Paul Bernays und Kurt Grelling mitarbeiteten und die bis 1937 weitergeführt wurde. 1919 wurde Leonard Nelson zum außerordentlichen Professor ernannt.

Seine Arbeit als Forscher und Hochschullehrer leistete Leonard Nelson stets mit der Absicht, sie mit fundamentalen Fragen der politischen und pädagogischen Praxis zu verbinden. Zunächst war er in der Freideutschen Jugend und in liberalen Kreisen tätig. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges, des sich steigernden Nationalismus und des Fehlens von Vorbereitungen für eine vernünftige Friedensordnung gründete er 1917 in Zusammenarbeit mit Minna Specht den Internationalen Jugendbund (IJB).

Der geistigen Fundierung der IJB-Mitglieder diente die 1922 von Leonard Nelson ins Leben gerufene Philosophisch-Politische Akademie. Sie war Trägerin des Landerziehungsheims Walkemühle bei Melsungen (Hessen), wo Kinder gemäß Nelsons pädagogischen Ideen erzogen und junge Erwachsene für ein Wirken im öffentlichen Leben herangebildet wurden. Eine großzügige Spende von Hermann Roos, einem erfolgreichen Kaufmann, und die Unterstützung durch den Fabrikbesitzer Max Wolf sicherten die finanzielle Grundlage. Die Schüler der Walkemühle kamen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen - neben deutschen Schülern waren in der Walkemühle auch solche aus England, China, der Schweiz und der Tschechoslowakei.

Die IJB-Mitglieder waren zur aktiven Mitarbeit in den Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung verpflichtet. Nelson, der für ihre sozialistischen Ziele entschieden eintrat, wollte ihr durch den Kerngehalt seiner Ethik - die zu den geschichtsphilosophischen Aspekten des Marxismus im Gegensatz steht - ein wissenschaftlich begründetes theoretisches Fundament geben. Nelson verstand den wissenschaftlichen Sozialismus als Durchsetzung des Rechtsgedankens in der Gesellschaft. Die Ausbildung kritikfähiger, engagierter junger Menschen hielt Leonard Nelson für eine unerlässliche Voraussetzung zur Erreichung der Ziele. Konflikte zwischen dem IJB und dem Vorstand der SPD führten Ende 1925 zum Ausschluss der IJB-Mitglieder aus der SPD. Daraufhin konstituierten sie sich Anfang 1926 als selbständige politische Organisation unter dem Namen "Internationaler Sozialistischer Kampfbund" (ISK, s. Lemke-Müller 1996). Am 29. Oktober 1927 starb Leonard Nelson. Willi Eichler übernahm die Leitung des ISK.

Ohne die enge Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit Minna Specht, einer erfahrenen Pädagogin, und ohne die Unterstützung durch Willi Eichler, seinem engsten politischen Mitarbeiter, wäre es Leonard Nelson kaum gelungen, neben seiner wissenschaftlichen Arbeit politische Organisationen aufzubauen, das Landerziehungsheim Walkemühle zu gründen und die Philosophisch-Politische Akademie ins Leben zu rufen. In der Walkemühle und in der Philosophisch-Politischen Akademie praktizierten Nelson und später seine Mitarbeiter und Schüler die Sokratische Methode des Philosophieren. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte Gustav Heckmann die Sokratische Methode als Lehr- und Lernmethode weiter und wendete sie vor allem in der Lehrerausbildung an.

Nicht zuletzt den Aktivitäten von Nelson-Schülern in der SPD nach 1945 - allen voran Willi Eichler - ist es zu verdanken, dass die ethische Begründung des Sozialismus im Godesberger Programm der SPD von 1959 offiziell verankert wurde.

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